Klickbetrug und Abzocke bei Google Ads: Google streicht einer Branche die Anzeigen

Im Mai veröffentlichte BILD einen Artikel über Schlüsseldienst-Betrug mit Google Ads – kurz darauf warf Google bundesweit die Anzeigen sämtlicher Schlüsseldienste aus dem Index. Die Schlüsseldienst-Branche ist nicht das einzige Sorgenkind: Könnte dasselbe Schicksal andere Märkte ereilen? Wie Betrüger Google Ads als Waffe nutzen und was nun folgt, haben wir mit einem Insider besprochen.

Darum geht’s:

Egal wie hart Dein Wettbewerb ist, der von Schlüsseldiensten ist härter. Bis zu 50 Euro lassen sich die Notdienste einen Klick bei Google Ads kosten. Aber gerade liegt der Klickpreis bei null Euro, denn Google sperrte der ganzen Branche die Anzeigen. Warum verzichtet Google auf den Millionenmarkt? Und kann das Deiner Branche auch passieren? Wir bringen Klarheit in das geheimnisvolle Verschwinden der Schlüsseldienst-Anzeigen.

Warum verzichtet Google auf den Millionenmarkt?

Verzichtet Google wegen eines BILD-Artikels auf Millionen Euro Anzeigen-Umsatz? „Sicher nicht!”, sagt Mahdi Kozbari, Mitarbeiter eines Münchner Schlüsseldienstes und selbst professioneller Türöffner. „Da hat der Staat nachgeholfen”, sagt der 50-jährige. „Wir haben Google seit Jahren darauf angesprochen, dass in unserer Branche Betrüger unterwegs sind. Google hat nie reagiert, ließ einfach alles weiterlaufen.“ Kein Wunder, Schlüsseldienste sind gute Kunden. Kozbaris Chef gibt täglich zwischen 300 und 500 Euro aus, um an seine Aufträge zum Festpreis zu kommen. Und die Betrüger haben ein bis zu zehnfaches Tagesbudget“, rechnet er uns vor. Ihr Geschäft sei es, ganz oben zu stehen, am meisten zu bieten um dann den maximalen Schaden bei Kunden anzurichten“, sagt der Handwerker. 

SEO-DAY-Test: Google-Anzeigen für Schlüsseldienste sind verschwunden

In unserem bundesweiten Test der Suchergebnisse wurde schnell klar: Google hat der Branche den Riegel vorgeschoben. Die folgende Grafik vergleicht die Suchergebnisse bei Anfragen nach anderen lokalen Anbietern – Schlüsseldienste müssen nun ohne Anzeigen auskommen:

Sechsstelliger Umsatz pro Tag

Auch Mahdi Kozbari wundert es nicht, dass Google so lange untätig geblieben ist. „Ich vermute, dass Google allein mit unserer Branche täglich sechsstellige Umsätze macht. Ich glaube, dass die Staatsanwaltschaft nachgeholfen und Google gezwungen hat, Schlüsseldienste aus Google Ads zu verbannen. Es geht auch um Steuerhinterziehung, denn die Schlüsseldienst-Banden arbeiten mit falschen Rechnungen. Wenn das Finanzamt erst mal aktiv ist, geht alles sehr schnell. Ein AdWords-Experte aus einer größeren Agentur hat mir außerdem erzählt, dass Google schon davor Druck von der Staatsanwaltschaft bekommen haben soll und sogar eine Strafe zahlen musste. Jetzt hat die Suchmaschine wohl nachgegeben“, sagt Kozbari. 

Google Ads – ein Paradies für Betrüger?

Klassische Handwerker-Websites zu betreiben, ist für die Abzocker-Kollegen von Kozbari nichts. Sobald sie auffliegen, müssen sie digital mit ihren Seiten weiterziehen, um neue Aufträge zu bekommen. Google Ads ist da die perfekte Bühne für Betrüger, denn eine kleine Landing Page ist schnell aufgesetzt und mit Google Ads im Handumdrehen wieder im Rennen um den nächsten Ahnungslosen, der sich selbst ausgesperrt hat. Die Opfer sind übrigens meistens Frauen oder alte Menschen, berichtet Mahdi Kozbari. Am liebsten kommen die Betrüger nachts zu Kunden – diese lassen sie dann extra lange warten, damit der Leidensdruck so hoch wie möglich ist. Ist die Tür offen, verlangen die Betrüger die viel zu hohen Preise und begleiten ihre Opfer sogar zur Bank – so sind körperlich unterlegene Kunden die wichtigste Zielgruppe der Kriminellen.

Jahrelanger Kampf gegen Klickbetrug von Scheinfirmen bald vorbei?

Jahrelang hat Mahdi Kozbaris Arbeitgeber sich einen aufwändigen Wettlauf mit den unfairen Schlüsseldienst-Konkurrenten geliefert, die sich oft hinter Scheinfirmen verstecken – zum Teil sogar mit gefälschtem Geschäftssitz. 

Dabei ging es für den Schlüsseldienst meist darum, unter dem Radar zu bleiben, also nicht auf den obersten Google-Anzeige-Plätzen zu erscheinen. Denn hier schlugen die Betrüger mit Klickbetrug besonders häufig zu, um das Budget der anderen aufzubrauchen. Die Schlüsseldienste beschäftigten dafür sogar extra Mitarbeiter, die die gegnerischen Anzeigen klicken sollten, sagt Mahdi Kozbari. 

Dass sie damit den Klickpreis in die Höhe treiben, macht den Banden – wie sie Kozbari nennt – nichts, denn die veranschlagen bei Kunden ja sowieso überhöhte Preise – bis 1000 Euro und mehr für eine einfache Türöffnung. Da kommen Bohrer, Stemmeisen und Fräser zum Einsatz, wo eine Plastikkarte genügen würde. Manchmal sollen die Betrüger sogar absichtlich das Schloss zerstören, um es anschließend gegen Gebühr wieder austauschen zu können? 

Bis zu 50 Euro pro Klick – Will Google nur seine Nutzer schützen?

Ob Betrüger oder nicht – die hohen Klickpreise legen die Schlüsseldienste auf ihre Kunden um. Anders als BILD behauptet, ist das auch der Grund für die Verbannung aus dem Werbeparadies, glaubt man Mahdi Kozbaris Google-Ads-Berater. Damit Kunden faire Preise bekommen, macht Google dem teuren Klickwahn der Konkurrenten ein Ende? Das glaubt Kozbari genauso wenig, wie dass die BILD der Heilsbringer im Kampf gegen Betrug über Ads war. „Meiner Erfahrung nach will Google den Gewinn maximieren, um jeden Preis. Denen war jahrelang egal, ob Kunden und ehrliche Unternehmer unter den Betrügern leiden“, sagt er. 

Müssen Google Anzeigen-Kunden künftig Gewerbeschein und Ausweis vorlegen?

Hoffnung gibt es für anständige Schlossknacker wie Kozbari und seine Kunden dennoch: „Google hat uns gesagt, dass sie an einer Strategie arbeiten, um Unternehmer zu verifizieren. Betrüger könnten dann nicht mehr täglich eine neue Scheinfirma eröffnen, eine Landing Page aufsetzen und damit Ahnungslose jagen. Sie müssten sich – zum Beispiel mit Gewerbeschein und Ausweis – authentifizieren und könnten erst dann Google Ads nutzen. So läuft es auch schon in den USA. 

Wann das neue System gegen Schwarze Schafe bei Ads da ist, konnte mir mein Ansprechpartner nicht sagen“, erzählt Kozbari. Bis dahin müssen Schlüsseldienste also auf ihre organische Reichweite setzen. Gut hat’s der, der schon einige Arbeit in SEO gesteckt hat.

Saubere Google Ads: Schlüsseldienste könnten nur der Anfang sein

Andere Branchen könnten von dem neuen System zur Authentifizierung demnächst auch betroffen sein. Kozbari: „Unsere Branche ist nicht die Einzige, wo Betrüger mit Google Ads an Opfer kommen. Ich kenne dieselben Probleme bei Rohrreinigern, Schädlingsbekämpfern oder wenn es um Kreditfirmen geht – in vielen Branchen nutzen Kriminelle Google als Waffe.“ Dem unfairen Wettbewerb und der Gefahr für Endkunden könnte Google auch hier ein Ende setzen, indem sich Werbetreibende erst ausweisen müssen. 

Hoffnung auf weniger Klickbetrug bei Google Ads und mehr Gewinn für Werbekunden?

Bis zu 4000 ungültige Klicks zählte der Google-Account von Mahdi Kozbaris Arbeitgeber monatlich. Der Monteur sagt: „Wir sind uns sicher, dass Google dabei nur die Hälfte der ungültigen Klicks erkennt. Einen Großteil unseres Werbebudgets verschluckt die Konkurrenz mit ihrem Klickbetrug. Wenn Google Ads weniger lukrativ für die Banden wird, werden wir vielleicht wieder mehr von unseren Ads haben.“

Kommen drastische Änderungen bei Google Ads auch auf Deine Branche oder Deine Kunden zu? Schau wieder vorbei im SEO-DAY-Magazin und bleibe auf dem Laufenden.


Gidon Wagner

Gidon Wagner schreibt für das SEO-DAY-Magazin. Er ist Geschäftsführer der WORTLIGA GmbH, einer führenden Text-Agentur für Online Marketing-Teams. Das Unternehmen betreibt die WORTLIGA Textanalyse, mit der Autoren verständlich schreiben lernen, Texte optimieren und besser lesbar machen.

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